News live aus Tanzania
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A Chance for the Children of Ngaramtoni
Jambo zum Zweiten

von Cordula Heggli, direkt aus Tanzania

Wenn Ihr diese Zeilen lest, sitze ich wahrscheinlich im Flieger und befinde mich auf der Rückreise. Gerne gebe ich Euch auch über die weiteren Tage Einblicke in meine Tätigkeiten vor Ort. Allerdings im Rückblick, denn ein Unwetter in der Nacht auf Donnerstag hat dazu geführt, dass durch heruntergerissene Leitungen der Strom in Ngaramtoni mehrheitlich ausfiel. Der Akku meines Telefons war da schon leer.
Der Stromausfall brachte mich erlebnismässig zurück zu meinen ersten Tanzania-Aufenthalten, als Strom äusserste Rarität war! Hakuna matata - ich habe ja eine Stirnlampe eingepackt :)

Nach der Safari in den Tarangire-NP am Dienstag (der wunderbar war) hiess es ab Mittwoch, das straffe Programm durchzuziehen. Gut, hatte ich mir alles notiert, denn Herry - so musste ich feststellen - hat eigentlich eher wenig organisatorisches Talent. Mir fiel auf, dass er stets eine Person (an)ruft, die etwas für ihn erledigt. Er macht nur sehr wenig selbst und verliert oft auch den Überblick über getroffene Abmachungen. So lag es an mir, ihn immer wieder daran zu erinnern was wir vereinbart und besprochen hatten, was als nächstes zu tun wäre, wen er bitte anrufen soll. Erschwerend war für mich, dass er mich nichts machen liess. Weder durfte ich alleine kurz ein Wasser kaufen gehen, noch konnte ich nach Arusha, um Besorgungen zu machen. Er hatte Martin versprochen, auf mich aufzupassen - und nahm diese Aufgabe sehr wörtlich, was ich ihm einerseits danke, andererseits machte es mich sehr abhängig. Doch auch für ihn dürfte es zuweilen anstrengend gewesen sein, denn es blieb ihm nichts anderes übrig, als meinen "Wünschen" zu folgen. So musste er mit mir öfters quer durch Arusha fahren, bis wir alle Materialien hatten, die wir meiner Meinung nach brauchten :) Der Mann braucht Erholung, wenn ich wieder abgereist bin!

Also, gehen wir zurück zu Mittwoch:
Zuerst bestellten wir Mehl und Öl für die Masai-Gemeinschaft in Longido. Ein 20kg Sack Mehl, welcher dann in einzelne Pakete umgefüllt werden sollte. Ich fragte Herry, ob wir zu dem vereinbarten Preis noch etwas mehr zahlen müssten, worauf er verneinte. Leider sagte er mir nur 10 Minuten später, als wir noch einmal am Shop vorbeifuhren, der Mann bräuchte dann noch etwas Geld, um die einzelnen Pakete abzupacken. Ich sagte ihm, dass ich doch eben danach gefragt hätte, doch er sagte nur, er hätte es vergessen. (Die Folge war, dass der grosse Sack geliefert wurde und eine "Freundin" der Kirche später das ganze Mehl abfüllte). Es folgten noch ein paar weitere kleine Anekdoten, doch um die Mittagszeit hatten wir alle Sachen für das Rehabilitationszentrum von Mama Golda gekauft, Frank den Zubehör für die Seifenherstellung organisiert und wir besassen nun auch noch Zahnbürsten für die Kinder unseres Zentrums. Da wir um 14.00 Uhr den Termin mit Peter hatten (der Herr für die Trinkwasseraufbereitung) und ich zuvor noch die diversen Spendenmaterialien vorbereiten wollte, machten wir uns langsam auf den Rückweg nach Ngaramtoni.

Am Nachmittag verbrachte ich die Zeit mit Warten, konnte mit den Kindern spielen, alle Räumlichkeiten anschauen und die ersten Spenden verteilen. Peter kam zwar verspätet, aber er war sehr herzlich und zeigte mir alles im Detail. Der Bau der Anlage für die Trinkwasseraufbereitung wird eine Woche in Anspruch nehmen, und somit werde ich leider den Abschluss nicht miterleben. Er versprach mir jedoch, sich zu bemühen, dass noch vor meiner Rückkehr das Material geliefert werde.

Auf dem Rückweg nach Hause kehrten wir kurz noch bei einem Schneider im Dorf ein. Die beiden Näherinnen haben gemäss Herry beide einen Nähkurs in unserem Zentrum besucht und arbeiten nun als Angestellte des Schneiders! So verdienen sie Geld und ich war sehr erstaunt, wie flink sie mit der Nähmaschine umzugehen wissen. Dies motivierte mich, mit Herry die Thematik des Nähkurses und der Damen von Longido noch einmal aufzunehmen. Martin und ich möchten gerne möglichst bald wieder einen Nähkurs durchführen lassen und dazu auch ein paar Damen aus Longido einladen. Herry will zwar unbedingt die ganzen Nähgerätschaften nach Longido bringen und dort einen Kurs druchführen, doch da bisher nicht einmal Räumlichkeiten vorhanden sind (und einige von unsern zur Zeit ungenutzt), finden wir es besser, dies in Ngaramtoni zu behalten. Herry gefiel die Idee nicht, doch mir gefielen auch nicht alle seiner Vorgehensweisen von Anfang an. Dies schien ihm einzuleuchten und die weiteren Überlegungen können angestellt werden.



Donnerstag;

In der Nacht auf Donnerstag wurde ich mehrfach wach, weil es sehr stark regnete, windete und auch immer mal wieder donnerte. Als ich am Morgen aus dem Haus trat, war der Garten unterspült und ich sah von weitem eine Sturzflut, wo eigentlich die Strasse ist. Der Strom hatte sich bereits am Abend zuvor immer wieder verabschiedet, nun war er komplett weg. Es regnete noch immer leicht und so schnappte ich mir meine Regenjacke. Um 8.00 war der Treffpunkt von Gemeindeoberhaupt, Ziegenprojekt-Chef und uns bei der ersten Familie vereinbart. Ich dürfe die Ziegen in ihr neuen Zuhause übergeben, das freute mich natürlich sehr!
Doch es war gar nicht so einfach, die Ziegenfamilien zu erreichen! Überall waren Strassen überspült, weggebrochen, mit umgeknickten Bäumen blockiert. Man sagte mir, seit 2017 hätte es kein solches Unwetter mehr gegeben. Irgendwann liessen wir das Auto stehen und gingen zu Fuss. Vorbei an Häusern, die mit Schlamm gefüllt waren und deren Bewohner sämtliches Mobiliar verschmutzt nach draussen stellten. Zum Teil waren Mauern eingestürzt, Autos im Schlamm stecken geblieben, ja sogar ein Toilettengebäude war umgekippt.
Als wir bei den Familien ankamen, warteten die Ziegen bereits. Es hat mir viel Freude bereitet, sie offiziell den Familien übegeben zu können, sie werden zukünftig ein kleines Einkommen ermöglichen.

Etwas später trafen wir uns mit Mama Golda, um ins Rehabilitationszentrum zu fahren, das sie leitet. Es waren nur ein paar Säuglinge und Kleinkinder dort, die grösseren Kinder befanden sich im Krankenhaus. Zur Zeit sind hauptsächlich Kinder mit Hydrocephalus ("Wasserkopf") und "verdrehten" Beinen dort. Das Zentrum bietet Platz für 250 Kinder und ihre Mütter, die meisten kleinen Patienten, die ich antraf, hatten eine Operation hinter sich, zwei warten auf den Termin, da sie noch zu leicht seien. Es hat mich einerseits sehr getroffen, die leidenden Kinder zu sehen, aber andererseits war es schön zu sehen, dass es auch hier in Tanzania Menschen gibt, die sich kümmern und sich einsetzen. Leider konnte ich die Spendenmaterialien nicht direkt der Lehrerin übergeben, sie konnte aufgrund der Überschwemmung nicht zur Arbeit kommen.

Am Abend bereiteten wir dann alles für den Besuch in Longido vor und füllten die 20L Öl in Literflaschen um. Wir waren ziemlich müde und es fiel mir schwer, bis zum Nachtessen die Augen offenzuhalten. Besonders, da es schon 3 Stunden dunkel war und ich mich nachwievor nicht daran gewöhnen konnte, erst um 22.15 Uhr zu essen. Aber auch hier nahmen Milka und Herry ihre Verantwortung mir gegenüber sehr ernst und achten darauf, wieviel auf meinem Teller landet :)

Freitag:

Mit gut gefülltem Kofferraum holten wir an unserem Zentrum Frank ab, er ist der "Lehrer" für die Seifenherstellung. Für ein kleines Entgelt kam er mit uns nach Longido und erwies sich tagsüber öfters auch als helfende Hand und Übersetzer. Im Office in Longido bereitete er alles vor und zeigte mir, welche Rohstoffe zur Verwendung kommen. Ursprünglich hatte ich Herry ja offeriert, dass ich dies gut selbst mit den Frauen machen könnte. Seinen Hinweis, das könne gefährlich sein, es würden Chemikalien verwendet werden, konterte ich mit der Aufklärung darüber, dass ich von meiner Ausbildung her durchaus in der Lage sei, damit umzugehen. Er sagte dann schlicht, Frank sei schon "gebucht". Im Nachhinein muss ich gestehen, war das in der Tat die bessere Idee, denn Frank machte das ausgezeichnet und erklärte Schritt für Schritt, worauf zu achten sei. Drei der vier Frauen nickten eifrig, die vierte verstand leider kein Swaheli, schaute aber interessiert zu. 50 Minuten später war der grosse Eimer voll mit blauem Schaum, es duftete nach Zitrone und die Frauen (und das Gemeindeoberhaupt von Longido) waren sichtlich stolz. Das gekaufte Material reicht für 100L Seife, es werden jeweils 20 L hergestellt. Somit können noch weitere 4 Produktionen in naher Zukunft starten, was mich sehr freut. Ich finde dieses Projekt sehr sinnvoll und wenn es mit dem Verkauf der Seife gut funktioniert, möchte ich es gerne weiter in unserem Angebot führen.
Bevor wir nach dem Workshop zur Masai-Gemeinschaft fuhren um die Spendenübergabe zu starten, erhielt ich noch zwei Armbänder, die direkt an meinen Handgelenken fertig gestellt wurden. Die meisten Masai-Frauen tragen Schmuck, den sie aus den kleinen farbigen Kunststoff-Kügelchen herstellen. Herry sagte, dies sei ein Zeichen der Verbundenheit, und ich trage sie somit mit Freude und Stolz.
Die Spendenübergabe war staubig, laut und etwas chaotisch. Denn plötzlich kamen Masai von überall her, nicht nur die aus "unserer" Gemeinschaft. Somit hatten wir natürlich nicht genügend Material dabei, und Herry sagte, wir sollen nur die Kleider aus dem Auto nehmen, mit den Lebensmittel würden wir warten. Obwohl wir versuchten, etwas Ordnung zu schaffen und die Kleider sortiert nach Kindergrösse abzugeben, wurden wir fast überrannt. Vielen Kindern wurden die Kleider direkt angezogen und so gab es danach eine heitere Runde Fotos. Nur schon sich in der Kamera zu sehen war für die Kinder ein riesiges Erlebnis, hatten sie doch keine Ahnung, wie sie aussehen!
Als die "auswärtigen" Masai wieder in ihre Geminschaften zurückgekehrt waren, konnten wir die Lebensmittel verteilen und ich holte mitgebrachte Ballons mit. War das ein Gaudi! Sie lernten auch sehr schnell, dass die Ballons im Dornengestrüpp platzen :)
Das Oberhaupt der Familie, Mama Kadogo, kam danach noch mit uns ins Office, ebenso Sara, die uns den ganzen Tag begleitet hatte. Ich blickte in freundliche und zufriedene Gesichter, es war für mich ein wundervoller Tag, denn ich konnte dort etwas bewirken, wo es am dringendsten gebraucht wird. Als Dank erhielt ich einen Umhang, ganz nach Masai-Tradition, und auch einen festlichen Halsring. Auf der Rückseite des Umhangs hatten sie "CORA" draufgestickt, es rührte mich sehr, als man ihn mir umlegte. Für Martin habe ich ein traditionelles Milch-Sammeltrinkgefäss erhalten - mal schauen, ob er es denn nutzen wird :) Die Verabschiedung war sehr herzlich, und ich bin mir sicher, dass diese beiden Frauen die Stärke haben, etwas zu ändern!! Nicht alleine, aber Herry und auch wir werden unser Möglichstes tun, sie zu unterstützen.

Herry sagte, er hätte von Peter die Nachricht erhalten, dass die Arbeiter das Material in unser Zentrum gebracht hätten. So machten wir einen kurzen Abstecher, und was soll ich sagen; sie hatten nicht nur das Material gebracht, die drei Arbeiter waren bei der Arbeit, das Gestell für die beiden Wassertanks war bereits zusammengeschweisst worden! Und als wäre das nicht schon genug, sagten sie mir, sie würden am Samstag noch einmal wiederkommen. Es gibt auch diese Überraschungen :)

Und so leite ich direkt zum heutigen Tag über, der für mich schwieriger Abschied aber auch Freude auf Zuhause bedeutet. Wir haben bis zum Mittag noch einige Besorgungen gemacht, danach begann für mich das Warten. Herry musste noch seine morgige Predigt vorbereiten, was ziemlich lange dauerte. Eine Weile konnte ich den Arbeitern zuschauen, das Projekt Trinkwasseraufbereitung ist nun bereits einige Schritte weiter! Danach hörte und schaute ich den Kindern zu, welche in die Kirche zum Singen und Tanzen kamen.
Als ich Herry etwas später zum Barber begleitete, war ich DIE Attraktion im Laden... Ein paar der Damen schlichen immer um mich herum, irgendwann traute sich eine, mich anzusprechen. Nicht, dass ich etwas verstanden hätte, doch Herry sagte mir, sie würde gerne meine Haare waschen. Warum auch nicht, dachte ich, wenn es ihr Freude macht. Ich wurde ins Nebenzimmer geführt und erhielt dort eine Kopfwäsche in Schnellbleiche. Etwas Conditioner wurde ebenfalls draufgeklatscht, und bei der Menge, glaube ich, ist die Häflte noch drauf :) Ich freute mich schon, als meine Haare beim Trocknen wieder die normale Feinheit annahmen, auch wenn ich mit dem Kamm ins Gesicht gepiekst wurde. Doch dann schmierte mir die Dame eine grosse Portion von etwas auf die Haare, und nun sehen sie aus, als wären sie mit Fett eingeschmiert worden. Wer weiss, ist es ja vielleicht auch, auf jeden Fall finde ich es furchtbar. "Pole" für mich, die Dame freut dafür sich wie ein Honigkuchenpferd - eine gute Tat zum Schluss :)

Ja, nun ist es soweit und die Woche ist um. Ich konnte viel bewirken und aufgleisen, es war schön, nach so vielen Jahren wieder mit Herry Zeit zu verbringen. Es erfüllt mich mit Dankbarkeit und Freude, wenn ich zurückblicke.
Es bleiben auch die Eindrücke, auf die ich lieber verzichtet hätte. Sei es die Einstellung zum Müll (es wird noch immer viel zu viel auf den Boden geworfen), zu Frauen, der Umgang mit Natur und Tier und ab und zu Herry, der mich nicht immer ernst zu nehmen schien. Aber er wird ja gegenseitig auch nicht nur seine Freude mit mir gehabt haben :)

Ich war für eine Woche wieder in einer ganz anderen Welt, lebte mit dem Minimum, spürte die Dankbarkeit für unseren alltäglichen "Luxus" und durfte meinem Herzen folgen. Es ging mir wunderbar, mein Fokus war einzig und alleine im Hier und Jetzt. Project Neema lebt - das durfte ich Euch mit meinen Berichten zeigen. Es lebt durch Martin und mich, aber auch durch unsere treuen Gönnermitglieder, wiederkehrenden, spontanen und neuen Spendern. Ohne die finanzielle Unterstützung, die wir stets erhalten, wäre all dies nicht möglich gewesen. All der Dank, die vielen "God bless you" und die Umarmungen, die ich hier eingeheimst habe, gehören so Vielen! Ich bin die ausführende Kraft gewesen, für einmal hier vor Ort.
Und das werde ich bleiben, denn ein Teil meines Herzens schlägt für Menschen hier im Land des Kilimanjaro.

Asante sana - ein letzter Gruss von afrikanischem Boden, Cora

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