News live aus Tanzania
PROJECT NEEMA PROJECT NEEMA
A Chance for the Children of Ngaramtoni
Jambo!

von Cordula Heggli, direkt aus Tanzania

So beginne ich ja meistens den Newsletter, aber dieses Mal ist das Jambo speziell. Es kommt nämlich direkt aus Tanzania!!

Lange habt Ihr nichts von uns gehört, es wurde vordergründlich still um uns. Doch im Hintergrund läuft Project Neema, wenn es auch etwas (aus)gebremst wurde. Dies hat mehrere Gründe, doch die gehören nun hoffentlich der Vergangenheit an (zumal ein Grund der vorherige Präsident des Landes ist, bzw war) und wir schauen ins Hier und Jetzt. Ein bisschen träumen wir auch von morgen :)

Letzten Freitag habe ich voller Vorfreude und mit 45kg Spendenmaterial im Gepäck den Flieger bestiegen. Nach 11 Jahren die Füsse auf afrikanischen Boden zu stellen, die Luft einzuatmen und Herry in die offenen Arme zu laufen - es war ein lang ersehnter und wunderbarer Moment! Nun nehme ich Euch ein paar Tage mit - seid mit mir unterwegs in Ngaramtoni und Umgebung.

Samstag:
Herry weiss, dass ich es kaum erwarten kann, das Center zu sehen, und so begeben wir uns als Erstes dahin. Aus einem Gebäude für den Kindergarten ist längst ein Komplex entstanden! Wir haben, um die Registrierung zu erhalten, stets alle neu an uns gestellten Forderungen erfüllt. Toiletten, Küche, ein Raum zur Pause usw. Und trotzdem haben wir die Erlaubnis nicht erhalten, offiziell einen Kindergarten zu führen. Herry hat das Beste aus der Situation gemacht, überlegt, was die Menschen in seiner Gemeinde brauchen. Und so entstand über die Jahre sein "Community-Center", mit dem Herzstück für Kinder.
Wie gut kann ich mich daran erinnern, als Martin und ich vor 11 Jahren auf diesem Landstück standen. Viele Bananenbäume, die Kirche (ein länglicher Holzbau) an der Seite, viel Staub und ein Loch, in dem nach Wasser gegraben wurde.
Heute stehe ich also vor dem Center, auf "unserem Grundstück", und das Einzige, was vom damaligen Bild geblieben ist, ist der Staub. Stolz präsentiert mir Herry alles, ich bin überwältigt! Drei Gebäude sind miteinander verbunden, ein Dach bietet einen zusätzlich geschützten Platz dazwischen. Herry erzählt mir, dass hier sonntags auch der Gottesdienst stattfindet. Am Quergebäude, das der Kirche gehört(einer der lokalen Kirchgemeinden, deren Pastor Herry ist) wurden die Seitenwände entfernt. Nun bietet es noch mehr Platz für ihre zahlreichen Mitglieder.
Die einzelnen Räume kann ich noch nicht besichtigen, denn die Schlüssel für all die Türschlösser sind bei einem anderen Mitglied. Aber die Toilettengebäude sind offen, es freut mich zu sehen, wie sauber sie gehalten werden. Noch mehr freut es mich, unter fliessendem Wasser die Hände zu waschen! Noch ist es kein Trinkwasser, der letzte Schritt zum Abschluss des Wasserprojektes fehlt uns noch. Die Pumpe und das Solarpanel sollten diese Woche installiert werden, es ist mein grosser Wunsch, dies miterleben zu dürfen. Doch leider ist der Vater des zuständigen Herrn verstorben, nun können wir ihn nicht erreichen. Wir werden sehen...
Herry führt mich in sein Büro und bittet mich, auf seinem Stuhl Platz zu nehmen. Ich sei sein Boss, somit gehöre der Stuhl mir, solange ich hier sei. Er dankt mir viele Male, alles, was ich sehe, sei mein Verdienst... Es berührt mich sehr, ist mir jedoch auch etwas unangenehm. Denn all dies wurde nur möglich durch Spenden. Von unseren langjährigen Gönnermitgliedern, grösseren Spendenaktionen, vielen kleinen Spenden. Immer wieder denken Menschen an unser Projekt und schenken uns ihr Vertrauen. Darum an dieser Stelle ein erstes grosses DANKE an alle Menschen, die Project Neema bisher unterstzützt haben!!

Auf dem Rückweg zum Haus, querfeldein, über Holperstrasse, zwischen Bananenbäumen durch, über den Hausplatz von Nachbarn, dunkelt es langsam ein. Die Sterne erscheinen und funkeln in grösserer Zahl, als es bei uns durch das viele Licht sichtbar ist. Es fühlt sich so gut an, hier zu sein! Und das für mich bereitgestellte Essen, mit frischer süsser Mango zur Nachspeise, lässt mich auch mit den restlichen Sinnen Tanzania geniessen!

Sonntag;
Heute ist Gottesdienst. Ich erhalte einen Ehrenplatz neben Herry, er bestand darauf. Die folgenden 3,5 Stunden erlebe ich einmal mehr, dass ein Gottesdienst hier nicht abgehalten, sondern gefeiert wird!! Die Menschen tanzen, singen, schreien zuweilen auch, beten voller Hingabe und Dankbarkeit. Immer wieder berührt mich der Gesang, auch wenn ich kein Wort verstehe.
Danach warten viele Hände darauf, geschüttelt zu werden. Die Menschen danken mir, die Kinder wollen vor allen meine Haare und meine Haut anfassen :)
Auf dem Rückweg passieren wir eine Familie, die von unserem Ziegenprojekt profitiert. Endlich kann ich mir einen Unterstand ansehen und sogar die kleinen Zicklein streicheln. Herry erzählt mir, dass zwei Ziegen bereit wären, in neue Familien gebracht zu werden. Da ich Spendengelder mit im Gepäck habe, sage ich umgehend zu, zwei Unterstände bauen zu lassen, damit wir die Ziegen noch diese Woche platzieren können. Manches dauert hier ewig, aber erfreulicherweise genügt heute ein Anruf und die Planung für den Bau der Unterstände steht! Morgen und am Dienstag werden sie errichtet.
Den restlichen Tag nutzen wir, um das Wochenprogramm zu erstellen (was ja bestimmt wieder angepasst wird, das kenne ich noch), die mitgebrachten Spenden zu sortieren, ich beteilige mich am Holz hacken und beim Wasser holen. Herrys Familie hat kein fliessendes Wasser, sondern einen tiefen Brunnen, aus dem es Grundwasser zu holen gilt. Sowohl das Hände waschen vor dem Essen, als auch die morgendliche Dusche wird mit Wasser aus Eimern erledigt. Wie selbstverständlich es doch für uns ist, immer und überall den Wasserhahn aufzudrehen :) Hier wird Muskelkraft benötigt, wenn das kostbare Gut genutzt werden soll.


Montag:
Heute steht der Besuch einer Masai-Gemeinschaft in 60km Entfernung auf dem Plan. Herry möchte dort, beziehungsweise im Ort Longido, eine Zweigstelle von Home of Hope aufbauen. Den Grund dafür werde ich später noch detaillierter erfahren. Er erzählte mir vor ca 2 Monaten von der Gemeinschaft. Es handelt sich um eine einzige Familie, von einem Mann gibt es 12 Frauen mit sehr vielen Kindern, alle haben kaum etwas zum Leben. Wir haben ihm damals Geld geschickt, damit er den Frauen und Kindern Mehl bringen konnte. Es war sein Geburtstagswunsch, den wir ihm gern erfüllt haben. Herry sagt, sie würden auf mich warten. Ich bin gespannt, muss aber zugeben, dass etwas in mir auch etwas widerspenstig ist. Warum nur nimmt sich ein Mann so viele Frauen, wenn er sich nicht um sie kümmern kann? Nicht, dass ich die Masai-Tradition mehrere Frauen zu haben, gut finde, aber wenn dann doch nur so viele, wie ernährt werden können! Auch die Sache mit den vielen Kindern... Doch das war bereits vor 12 Jahren ein Thema, und daran werde ich hier leider nichts ändern können.
Bevor wir allerdings dorthin aufbrechen, fahren wir "kurz" nach Arusha. Ich möchte (Spenden)Geld wechseln und in einer Apotheke die Preise für diverse Wunderversorgungsprodukte erfragen. Aus dem kurz werden drei Stunden :) Bereits nach dem Geldwechsel möchte Herry einen Tee trinken gehen, im Lokal trifft er dann eine Freundin. Oder er hat sie angerufen, das weiss ich nicht so genau, er telefoniert ständig, da habe ich keine Übersicht! Es erweist sich jedoch als Glücksfall in doppelter Hinsicht. Sie arbeitet als Ärztin in einer Klinik und kümmert sich um Kinder mit körperlichen Geburtsgebrechen, wie offener Rücken oder verkrümmte Gliedmassen. Sie erzählt mir, dass oft die Mütter von ihren Männern bestraft (geschlagen) werden, manche Väter sich aus dem Staub machen, oder gar beide Elternteile das Kind verstossen. Diese Kinder werden dann in speziellen Heimen untergebracht, was mich sehr traurig macht. Ich vereinbare mit ihr, dass ich diverse Spiel-, Schreib- und Malsachen vorbeibringen werde. Einerseits habe ich Spendenmaterial, andererseit werde ich noch Hefter und Zubehör einkaufen.
Herry erkundigt sich, welche Apotheke wir aufsuchen sollen, worauf sie anbietet, uns zu begleiten. Wir klappern vier Apotheken ab, und ich bin froh, sie an meiner Seite zu haben. Nicht nur, dass sie unsere Einkaufsliste sinnvoll ergänzt hat, nein, sie tritt auch bestimmt auf und macht den teils schläfrigen Mitarbeitern Feuer unter dem Hintern. Nach einer Stunde haben wir alles zusammen, laden Mama Golda beim Krankenhaus ab und machen uns auf den Weg nach Longido.

Die rund einstündige Fahrt führt uns durch starke Regengüsse und staubige Gegenden. Einmal wird Herry angehalten, es kommt ein Polizist zum Auto, eine Geschwindigskeitskamera in der Hand. Die beiden sprechen zusammen, Herry lacht und wir fahren weiter. Ich frage ihn, ob er zu schnell gewesen sei, was er bejaht. Ob er denn keine Busse zahlen müsse? "Nein, meine Schwester, er ist ein Freund von mir..." Ich behalte meinen Kommentar für mich :)
Kurz vor dem Ort Longido biegen wir in staubiges Niemandsland ein. Nach ein paar Metern tauchen in der Ferne Bomas auf, die traditionellen Hütten der Masai. Und dann sind wir bei der Gemeinschaft. Es kommen alle 12 Frauen und alle Kinder. Alle stehen im Halbkreis um mich herum, ich werde begutachtet - niemand hat bisher einen weissen Menschen gesehen. Tieren im Zoo muss es ähnlich ergehen :) Ich weiss nicht so recht, was ich soll und teile dies Herry auch mit. Seine Antwort ist "nichts", es ginge ums Kennenlernen, wir kämen dann am Freitag und bringen die Nähmaschinen und Stoffe. Aha. Hierzu muss ich erwähnen, dass es Herrys Idee war, die Nähkurse nach Longido zu verlegen, weil die Frauen es dringender brauchen würden. Damit war ich einverstanden.
Nach langen Minuten sagt Herry "lass uns einsteigen, wir fahren ins Büro". Aha zum Zweiten. Er lässt mich öfters seinen Gedankengängen nicht folgen und so stehe ich gerne mal mit fragendem Gesicht in der Gegend... Aber daran hab ich mich langsam (wieder) gewöhnt :) Ich steige also ein, auch die Obermasai-Frau kommt mit ins Büro. Unterwegs frage ich Herry nach dem Mann, worauf er mir antwortet, dass er gestorben sei. Da es sehr kleine Kinder hat, nahm ich an, dass er kürzlich verschieden sei, doch das war vor 5 Jahren. Alle Kinder unter 5 - und das sind einige - sind von anderen Männern! Herry erklärt mir, dass Frauen geteilt, hin und hergeschoben, benutzt, geschwängert, verlassen werden. Möchte sich eine Frau wehren, wird sie geschlagen. Und dann kommt ein Satz, der mich zutiefst erschüttert. All die Mädchen, die ich dort sah, seien bereits Männern versprochen. Viele gar schon bezahlt. Einige der Männer hätten schon viele Frauen, seien über 60, sobald die Mädchen 12 oder 13 Jahre alt seien, werden sie verheiratet. Ich bin sprachlos und bleibe es, bis wir im Büro ankommen.

Dort treffen wir auf eine weitere Frau, Sara. Wie ich erfahre, wurde sie als Kind mit einem über 70jährigen Mann verheiratet, von ihm geschlagen, und an seine Söhne weitergereicht. Herry erzählt mir, dass ihr Rücken von Narben übersät sei. Eines Tages gelang ihr durch Hilfe die Flucht, heute ist sie mit einem guten Mann verheiratet und Mutter von drei Kindern. Herry und sie haben sich über die Obermasai-Frau kennengelernt, allen drei ist es ein Anliegen, mit Traditionen zu brechen und den Mädchen eine bessere Zukunft zu ermöglichen, als sie es selbst hatten. Wie erschlagen sitze ich dort, was ich sagen soll, ist mir unklar. Alles erscheint mir zu banal. Somit frage ich Herry, was ich tun kann, was er von Project Neema wünscht. Er sagt, dass sie gerne für die jüngste Generation die Möglichkeit zur Schulbildung schaffen möchten. Bildung statt Heirat im Kindesalter. Ausbildung zum Erhalt von Einkommen anstatt finanzielle Abhängigkeit. Ein grosser Wunsch, der viel Planung und Organisation braucht, zudem viel Geld. Zurück auf Feld 1, wenn ich es mit Ngaramtoni und unserer Tätigkeit in den letzten 11 Jahren vergleiche. Denn ausser dem kleinen Raum, der als Büro fungiert, gibt es nichts. Auch keine Räumlichkeiten, um einen Nähkurs durchzuführen... Ich teile Herry mit, dass es mich etwas ratlos macht, denn für mich macht es keinen Sinn, die Nähmaschinen und aus der Schweiz mitgebrachten Stoffe am Freitag nach Longido zu fahren, wenn kein Kurs stattfinden kann. Dass wir zudem nicht einfach unseren Fokus nach Longido lenken können, so wie er es tut. Project Neema hat einen klar definierten Auftrag, und zwar in Ngaramtoni. Gerne werden wir dies anschauen, aber das braucht Zeit. Das versteht Herry, allerdings versteht er nicht, dass ich mich nun etwas hilflos fühle in Hinblick auf den Freitag. Mit leeren Händen nach Longido fahren? Wenn ich an die kleinen Kinder denke, die mich zuvor mit ihren grossen Augen angesehen haben, ihre dünnen Beinchen, Blähbäuche, verklebte Augen wegen den Fliegen, da kneift es mir mein Herz wieder zusammen. Links und rechts von mir sitzen die beiden Frauen, sind mir so dankbar - dabei gibt es nichts, was ich ihnen "bieten" kann. Herry versichert mir, dass es ihnen reicht, dass ich hier bin und mir Gedanken machen werde. Das werde ich, versprochen!

Auf dem Rückweg kreisen die Gedanken, und ich frage Herry, ob es nicht etwas gibt, was wir jetzt schon tun können. Er meint, die Frauen könnten Seife herstellen und sie auf dem Markt verkaufen. Einen Teil vom Erlös geben sie ab (als Anteil an späteren Kosten), den anderen können sie für sich nutzen. So helfen sie aktiv mit, ihre Zukunft, bzw die ihrer Kinder, positiv zu beeinflussen. Das gefällt mir, und das ist auch schnell umsetzbar. Ob es bis Freitag reicht, hängt von einigen Leuten ab, und da geduldig zu warten, fällt mir ziemlich schwer. Was wir sofort umsetzen können, ist, die Grossfamilie mit Mehl und Öl zu versorgen. Wenigstens für eine kurze Zeit... Somit ist mein weiteres Projekt während meines Aufenthaltes gefasst: Organisieren und Einkaufen für Longido :)

Wird sofort ins Notizheft eingetragen und unser Kalender angepasst. Morgen haben wir einen freien Tag, ich lade Herry und Milka (und mich :) ) auf eine Safari ein. Doch dann kommen gefüllte Tage, ich freu mich darauf! Drückt mir die Daumen, dass ich alles organisieren kann.

Ich werde mich mit einem zweiten Newsletter kurz vor meiner Heimreise melden (sofern das mit dem Internet klappt). Lange hattet Ihr nichts zu lesen von mir, dafür jetzt umso mehr :)
Es ist zudem schön für mich, meine Eindrücke zu teilen und zu wissen, dass in der Schweiz Menschen mitfiebern, Daumen drücken, an mich denken. Eingangs erwähnte ich ja, es ist ein spezieller Newsletter - Reisebericht träfe es wohl besser. Er wird nun zu Martin geschickt, der ihn gut verpackt und formatiert an Euch Empfänger leitet.

Kwa heri, Cordula (bzw hier Cora)

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